Archiv für 'Gesundheit'

Das Gedächnis sitzt nirgendwo …

Sonntag, 1. Februar 2009

und 9 weitere verblüffende Tatsachen.

Mit unserem Gedächtnis beschäftigen wir uns meist nur dann, wenn es uns im Stich lässt. Aber wie arbeitet es eigentlich?

Kann man sein Gedächnis trainieren? Wieso können erinnerungen auch falsch sein? Wie schaffen es Gedächtnis-Profis, dass sie sich irre lange Zahlenreihen merken können, wo wir doch schon mit unserer Handy-Nummer Probleme haben? Gehirn und Gedächtnis sind spannende Themen - auch wenn sie Wissenschaftlern noch viele Rätsel aufgeben. Aber gerade in in den letzten Jahren sind auf diesem Gebiet große Fortschritte gemacht worden. Hier findet Ihr einige der interessantesten Ergebnisse:

1. Das Gedächtnis sitzt nirgendwo

Diese These klingt etwas überspitzt. Aber viele stellen sich das Gedächtnis wie eine gut geordnete Bibliothek in einem bestimmten Bereich des Gehirns vor. Man ruft Wissen ab, wie man ein Buch aus dem Regal nimmt. Aber dieses Bild stimmt nicht: Es gibt zwar Bereiche im Gehirn, die für das Gedächtnis zuständig sind, vor allem der Hippocampus. Aber er behält die Informationen nicht, sondern gibt sie an diverse Stellen weiter. Es ist eigentlich der Vorgang des Aufnehmens, Speicherns und Abrufens von Infos, was das Gedächtnis ausmacht. Nicht ein bestimmter Hirnteil. Deshalb kann man weder seine Größe noch sein Gewicht messen.

2. Wissen baut sich in drei Stufen auf

Erste Stufe: Aufnehmen. Je konzentrierter man ist, desto mehr nimmt man auf. Seid Ihn nicht bei der Sache, erfasst Ihr nur Bruchstücke - und die können falsch sein. Zweite Stufe: Speichern. Das meiste geht aus dem Kurzzeitgedächtnis automatisch ins Langzeitgedächtnis über und wird gespeichert. Dritte Stufe: Abrufen. Es ist ein eigenständiger Vorgang. Dabei wird nicht automatisch alles abgerufen. Manchmal ist der Zugang blockiert, z.B. durch Stress. Das erklärt, warum manchem in der Prüfung viel weniger einfällt als am Abend zuvor.

3. Ab Mitte zwanzig geht’s bergab

Klingt schlimmer als es ist. Ab Mitte zwanzig sterben zwar mehr Nervenzellen ab als neue dazukommen, aber wir haben genug davon. Außerdem kommt es nicht nur auf die Anzahl der Nervenzellen an, sondern auf die Dendriten. Das sind die kleinen Auswüchse am Zellkörper. Über sie nimmt die Nervenzelle Infos von anderen Zellen auf. Je mehr Dendriten sie hat, desto mehr Infos kann sie erhalten. Ein gutes Gedächtnis hängt also mehr von intakten Dendriten ab als von der Menge der Nervenzellen.

4. Wir merken uns nur 5 bis 9 Einheiten

Wie viele Wörter oder Zahlen sich jemand kurzfristig merken kann, wird Gedächtnisspanne genannt. Bei den meisten liegt sie zwischen 5 und 9 Einheiten. Diese Spanne wird vom Gehirn vorgegeben. Sie lässt sich aber auch durch Techniken, z.B. Clustern (= Klumpen bilden), austricksen. Das heißt, Ihr verknüpft viele Begriffe, (z.B. Einkaufsliste) in einer Geschichte zu einer Einheit. Je bildhafter und emotionaler die Story, desto besser prägt sie sich ein. Darauf beruhen übrigens alle Memotechniken, also die Methoden der Gedächtnismeister: Sie machen aus vielen Einzelinformationen jeweils eine Einheit. Dadurch wird aber nicht die Spanne erweitert, sondern nur besser genutzt.

5. Rätsel helfen dem Gedächtnis wenig

Der Grund: Hioer wird nur vorhandenes Wissen abgefragt. Aber Nervenzellen und Dendriten bilden sich nur neu, wenn das Nervensystem gefordert wird: Je intensiver wir uns mit unserer Umwelt und ihren Veränderungen auseinandersetzen, desto größer ist die Herausforderung fürs Gedächtnis. Die aktiven Zellen verknüpfen sich, überflüssige bauen sich ab. Das gilt für jedes Alter, nicht nur für Kinder. Auch mit 70 können neue Verbindungen geschaffen werden.

6. Intelligenz hat wenig mit einem guten Gedächtnis zu tun

Das gilt für Erwachsene. Bei Kindern ist das anders: Kids mit einem sehr guten expliziten Gedächtnis sind intelligenter als andere. Als explizites Gedächtnis wird das bewusste Aufnehmen von Bildern, Zahlen oder Namen verstanden (im impliziten Gedächtnis dagegen werden mechanische Vorgänge wie Gehen, Radfahren oder Händewaschen gespeichert). Beim Erwachsenen (mit Ausnahme von Genies) ist ein gutes Gedächtnis kein Zeichen von Intelligenz mehr. Wer als wandelndes Lexikon belächelt wird, muss deshalb noch keine große Leuchte sein.

7. Tratsch behalten wir besonders gut

Wie gut unser Gedächtnis funktioniert, hängt stark vom Inhalt ab. Alles, was unsere Person bzw. unser Leben betrifft und mit Emotionen verbunden ist, merken wir uns super. Das geht quasi wie von selbst. Auch Geschichten über andere Menschen, die uns interessieren, bleiben gut hängen - deshalb ist Tratsch auch so langlebig. Dagegen macht es uns viel mehr Mühe, Auswendiggelerntes über längere Zeit zu behalten. Auch wenn uns etwas nicht interessiert, total unlogisch ist oder wir es nicht verstanden haben, landet es nur zu einem kleinen Teil im Langzeitgedächtnis. Das sind genau die Infos, die wir auch nach dem zehnten “Versuch” nicht behalten werden.

8. Deja-vu ist ein Irrtum des Gehirns

Das hat damit zu tun, wie das Gehirn neue Infos behandelt. Wenn wir etwas wahrnehmen, überprüft eine Region im Schläfenlappen, ob die Info neu oder schon vorhanden ist. Dabei kann das Gehirn “danebengreifen”, also eine ähnliche Information herauspicken und dann melden: Kenn ich schon. Das führt zu dem irritierenden Deja-vu-Erlebnis. Obwohl man genau weiß, dass die Situation neu ist, hat man den Eindruck, sie schon erlebt zu haben. Besonders häufig tritt dieses Phänomen bei Epileptikern auf.

9. Chinesisch lernt Hänschen leichter

Die Erkenntnis hat nichts speziell mit dieser Sprache zu tun, sondern gilt für alle Fremdsprachen. Es liegt am Kurzzeitgedächtnis. Im Alter wird zum einen die Gedächtnisspanne kleiner: Wir können nicht mehr so viel auf einmal aufnehmen. Zum anderen bleiben bei älteren Menschen Informationen viel länger im Kurzzeitgedächtnis und blockieren es. So geht das Erlernen ganz neuer Dinge langsamer voran. Das hat man beispielsweise beim Memoryspielen nachgewiesen. Im Gegensatz zu Jüngeren decken Ältere öfter Bilder dort auf, wo sie im letzte Spiel lagen. Die jüngere Gruppe hatte das erste Spiel schon längst abgehakt.

10. Wer viel schläft, weiß mehr

Vorweg: Schlaf ist schon bei der Aufnahme von Infos wichtig. Wer hellwach ist, nimmt mehr und intensiver war als ein müder Kopf. Außerdem sind nachts die gleichen Neuronennetze aktiv wie am Tag bei der Verarbeitung von Sinneseindrücken. Das heißt: Das Gehirn geht nachts noch einmal durch, was ihm tagsüber begegnet ist. Ruft Ihr dann eine Geschichte wieder ab, fallen Euch mehr Details ein, als wenn Ihr nicht geschlafen hättet. Die Informationen haben sich also noch weiter gefestigt. Und durch ihren Abruf hat sich alles ein drittes Mal konsolidiert.