Archiv für 'Eltern und Kinder'

Vaterhaus

Dienstag, 24. März 2009

von Hermann Hesse.

Unser Vaterhaus, dass groß und hell an einer hellen Straße lag, betrat man durch ein hohes Tor, und sogleich war man von Kühle, Dämmerung und steinern feuchter Luft umfangen. Eine hohe, düstere Halle nahm einen schweigsam auf, der Boden von roten Sandsteinfliesen führte leicht ansteigend gegen die Treppe, deren Beginn zuhinterst tief im Halbdunkel lag. Viele tausend Mal bin ich durch dies hohe Tor eingeganen, und niemals hatte ich acht auf Tor und Flur, Fliesen und Treppe; dennoch war es immer ein Übergang in eine andere Welt. Die Halle roch nach Stein, sie war finster und hoch, hinten führte die Treppe aus der dunklen Kühle empor und zu Licht und hellem Behagen. Immer aber war erst die Halle und die ernste Dämmerung da: etwas von Vater, etwas von Würde und Macht, etwas von Strafe und schlechtem Gewissen. Tausendmal ging man lachend hindurch. Manchmal aber trat man herein und war sogleich erdrückt und zerkleinert, hatte Angst, suchte rasch die befreiende Treppe.

Damals

Montag, 2. Februar 2009

von Peter Huchel.

Damals

Damals ging noch am Abend der Wind

mit starken Schultern rüttelnd ums Haus.

Das Laub der Linde sprach mit dem Kind,

das Gras sandte seine Seele aus.

Sterne haben den Himmel bewacht

am Rand der Hügel, wo ich gewohnt:

Mein war die katzenäugige Nacht,

die Grille, die unter der Schwelle schrie.

Mein war im Ginster die heilge Schlange

mit ihren Schläfen aus milchigem Mond.

Im Hoftor manchmal das Dunkel heulte,

der Hund schlug an, ich lauschte lange

den Stimmen im Sturm und lehnte am Knie

der schweigsam hockenden Klettermarie,

die in der Küche Wolle knäulte.

Und wenn ihr grauer schläfernder Blick mich traf,

durchwehte die Mauer des Hauses der Schlaf.

Ein Mann spricht im Mietshaus

Montag, 19. Januar 2009

von Walter Bauer.

Ein Mann spricht im Mietshaus

Ich bin Arbeiter in der Maschinenfabrik Schumann.

Ich wohne in diesem Haus in einem Zimmer

mit einer Frau, vier Kindern,

in zwei Betten.

Dazu gibt es noch hier:

Tisch, Stühle, drei Waschschüsseln,

viel Geruch, Stockflecken, Ungeziefer

und lange Zeit am Ofen Windeln

in den Jahren der Geburt.

Hier ist alles:

die Krankheit sitzt nicht weit vom Hunger,

und Kinderneugier hetzt das bißchen Liebe

ganz ins Dunkel.

Ich lebe hier ja nicht so viel,

nur meine Frau -

ich gehe schon früh weg, wenn die Treppe dunkel ist.

Und wenn ich wiederkomme,

sehe ich durch die Müdigkeit nicht so ganz genau,

Nicht: dass hier aufgeräumt wurde,

dass eine Frau hier allein kämpft

gegen den Untergang des ganzen Hauses.

Nicht: dass sie darum Schatten an den Augen hat

und viele Falten …

Dann schlafen auch die Kinder.

Nur Sonntags -

Sonntags kommt es über mich,

dass ich am Tisch sitze, die Hände am Gesicht

und kann nur denken:

warum das alles so ist -

und wenn dann noch jemand singt in einem anderen Fenster,

ist mir, ich müsste aufstehen

und schrein,

dass man es hört in allen Ländern!

aufstehn,

den Himmel herunterreißen, zerschlagen,

und unter mich treten!

Abends

Sonntag, 18. Januar 2009

von Theodor Storm.

Abends

Auf meinem Schoße sitzet nun

und ruht der kleine Mann;

mich schauen aus der Dämmerung

die zarten Augen an.

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Er spielt nicht mehr, er ist bei mir,

will nirgends anders sein.

Die kleine Seele tritt heraus

und will zu mir herein.

Elternhaus

Montag, 12. Januar 2009

In meiner Rubrik “Eltern und Kinder” will ich in den nächsten Beiträgen ein bisschen was vom Elternhaus bringen.

Wer so wie ich nur positive Erinnerungen an sein Elternhaus hat, darf sich glücklich schätzen. Für mich war mein Elternhaus wirklich eine schützende Burg. Wenn sich die Tür hinter mir geschlossen hatte, konnte mir nichts mehr passieren. Gerne erinnere ich mich aber auch an die offene Haustür. Im Sommer stand sie von morgens bis abends offen. Ich bin auf dem Land groß geworden, wo wirklich jeder noch jeden kannte und da war es üblich, das die Türen offen standen. Wenn ich im Sommer von oben runter kam, hatte die Sonne den Fußboden im Flur schon gewärmt und ich stand gerne dort mit nackten Füßen.

Vor fast 20 Jahren sind meine Eltern dort ausgezogen. Es war sicherlich eine richtige Entscheidung, denn zum Haus gehörte auch ein riesig großer Garten. Das hätten meine Elötern im Alter gar nicht mehr alles bewältigen können. Mir ist aber der Gedanke damals sehr schwer gefallen, nie mehr in dieses Haus zurück kehren zu können. Noch heute muss ich bei jedem Heimaturlaub einmal am Haus vorbei fahren und jedesmal kommen die Kindheiterinnerungen wieder hoch.

Hier noch ein paar Zeilen von Janusz Korczak dazu:

Hier ist meine Mama und mein Papa,

hier ist mein Bett und mein Spielzeug.,

hier schlafe und esse ich,

und wenn es kalt wird oder regnet,

dann suche ich Schutz in diesem Haus.

So wie der Vogel in seinem Nest.

Gammler von Leipzig

Freitag, 19. Dezember 2008

von Helga M. Novak

du ißt die sauren Äpfel deines Landes

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schöner Knabe mit den langen Haaren

mit den verglasten Blicken

mit dem laschen Mund

schöner Knabe mit den langen Nägeln

gräbst du Höhlen

in den zwanzigfach gesiebten Sand

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und ißt die sauren Äpfel deines Landes

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schöner Knabe mit den langen Bändern

die verflochten mit den Saiten

Schrei aus Liedern machen

schöner Knabe sitzt in stummen Rudeln

auf den Treppen auf den Mauern

und kandiert mit Lethargie

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ißt du die sauren Äpfel deines Landes

Widerstand und Entfremdung

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Auch das kommt in jeder Eltern-Kind Beziehung vor. Der Widerstand der gestern noch so lieben Kleinen, die dann plötzlich in der Pubertät sind und anfangen, ihren eigenen Weg zu gehen. Damit beginnt auch eine Entfremdung. Dinge, die man früher gemeinsam gemacht hat, werden jetzt lieber mit Freunden unternommen oder sind ganz einfach doof. Es kommen andere Interessen, andere, uns nicht mehr unbedingt bekannte Freunde.

Das alles ist richtig und muss so sein. Denn wie heißt es doch so schön in einem Lieblingsspruch von:

Wenn die Kinder klein sind, gib Ihnen Wurzeln, wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel.

Auch von Margaret Mead habe ich dazu noch etwas Schönes gelesen:

Je schneller die Welt sich wandelt,

um so tiefer unterscheiden sich die Eltern,

die im Lauf ihres Lebens soviel neue Dinge lernen mußten,

von den Kindern,

denen diese Dinge selbstverständlich sind.

Eine Sprache für alle

Mittwoch, 10. Dezember 2008

von Hans Baumann.

Ein Negerjunge fragte einmal

seinen Vater: “Sag mir, wie groß ist die Zahl

aller Sprachen? Ich möchte sie alle lernen,

damit mich alle Menschen verstehn.”

Da sah der Vater hinauf zu den Sternen -

weil’s Nacht war, waren viele tausend zu sehen.

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“So viele gibt’s?” fragte der Junge betrübt.

“Und eine dazu”, sprach der Vater leise,

nahm seine Trompete und blies eine Weise.

Seitdem hat der Junge Trompete geübt.

Lied an meinen Sohn

Montag, 8. Dezember 2008

von Richard und Paula Dehmel.


Der Sturm behorcht mein Vaterhaus,

mein Herz klopft in die Nacht hinaus,

laut; so erwacht ich vom Gebraus

des Forstes schon als Kind.

Mein junger Sohn, hör zu, hör zu:

In deine ferne Wiegenruh

stöhnt meine Worte dir im Traum der Wind.

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Einst hab ich auch im Schlaf gelacht,

mein Sohn, und bin nicht aufgewacht

vom Sturm; bis eine graue Nacht

wie heute kam.

Dumpf brandet heut im Forst der Föhn

wie damals, als ich sein Getön

vor Furcht wie meines Vaters Wort vernahm.

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Horch, wie der knospige Wipfelsaum

sich sträubt, sich beugt, von Baum zu Baum;

mein Sohn, in deinen Wiegentraum

zornlacht der Sturm - hör zu, hör zu!

Er hat sich nie vor Furcht gebeugt!

Horch, wie er durch die Kronen keucht:

Sei Du! Sei Du!

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Und wenn dir einst von Sohnespflicht,

mein Sohn, dein alter Vater spricht,

gehorch ihm nicht, gehorch ihm nicht:

Horch, wie der Föhn im Forst den Frühling braut!

Horch, er bestürmt mein Vaterhaus;

mein Herz tönt in die Nacht hinaus,

laut …

An den Großneffen Helmuth, den Sohn Wilhelms von Moltke

Mittwoch, 26. November 2008

Mein lieber Helmuth!                                                                             Creissau, den 22. Oktober 1890

Ich habe Dir das Geld geschickt, damit Du beizeiten lernst, mit Geld umzugehen. Wenn Du den ganzen Betrag in Deinem Sparkassenbuch anlegtest, so wärest Du ein Geizhals, wenn Du ihn in kurzer Zeit verläppertest, so wärest Du ein Verschwender; das Richtige liegt in der Mitte.

Wenn einem Geld geschenkt wird - später musst Du es erst selber erwerben - so ist es gerechtfertigt, sich dafür Annehmlichkeiten zu gewähren, aber klug, auch etwas für die Zukunft zu sparen.

Wie Du mit diesen 20 Mark verfährst, so wirst Du einst mit größeren Summen wirtschaften. Wer seine Einnahme voll ausgibt, wird es zu nichts bringen, wer mehr ausgibt, wird ein Bettler oder ein Schwindler.

Nach Berlin wirst Du wohl nicht kommen können, weil Du den Unterricht versäumen müsstest, sonst solltest Du mir willkommen sein. Je fleißiger Du bist, um so eher kommst Du aus dem Zwang der Schule.

Mit herzlichen Grüßen von uns allen. Dein Opapa

Graf Moltke