“Mein Weg führt nach Tibet”
Freitag, 19. Dezember 2008Ich mag Bücher …, weil sie so aufregend sind und meinem Bücherregal total die Bretter verdrehen!
Bei diesem Buch über eine fazinierende Frau war es ganz bestimmt so. Es handelt von Sabriye Tenberken, die - blind - durch Tibet reist und dort eine Schule für Blinde aufbaut.
In Tibet leben sie am Rande der Gesellschaft: blinde Kinder. Seit die damals 26-jährige Sabriye Tenberken in ihre Dörfer gekommen ist, haben sie eine Zukunft. Kelsang Meto (”Glücksblume”), so wird sie von den Kindern genannt, gründete das erste Ausbildungszentrum für Blinde in Tibet. Sie weiß, wie wichtig Förderung und Ausbildung sind - sie ist selbst blind. Ihren Wunsch, Tibetologie zu studieren, musste Sabriye Tenberken gegen viele Widerstände durchsetzen. Sie entwickelte die erste tibetische Braille-Schrift und machte auf eigene Faust eine ausgedehnte Rundreise per Pferd durch die Autonome Region Tibet, um blinde Kinder ausfindig zu machen, die zum Teil versteckt oder sogar ans Bett gefesselt werden. Schulen gab es bisher für sie nicht, und auch das hat Sabriye Tenberken geändert: Heute leben und lernen in der von ihr gegründeten Einrichtung 17 Kinder, (Stand bei Veröffentlichung des Buches) weitere sind in der Zwischenzeit hinzugekommen. Sie werden inzwischen auch von einheimischen Lehrern u.a. in Tibetisch, Chinesisch und Englisch unterrichtet, geplant und vielleicht schon verwirklicht ist ein Berufsausbildungsprogramm in Medizin und Krankenpflege, Tierhaltung und Lebensmittelherstellung. Von ihrem großen Abenteuer, das häufig kurz vor dem Scheitern stand, erzählt Sabriye Tenberken mit viel Humor und Zuneigung zu den Tibetern und ihrer so ganz anderen Kultur. Und sie zeigt uns, dass Blindsein keine Behinderung sein muss - man kann immer versuchen, seinen eigenen Traum zu verwirklichen.
Das Blinde auf ihre Weise mehr sehen als andere, ist ein Klischee seit den Tagen Homers, des “blinden Sängers”. Wer das Buch von S. Tenberken gelesen oder sie im Fernsehn erlebt hat, wird zugeben, dass es zumindest in ihrem Fall wirklich so ist. Nur wenige Sehende dürften wie sie den “Blick” haben für das Angemessene: das treffenste Argument im Konflikt, den brauchbarsten Mitarbeiter für eine bestimmte Aufgabe, den kürzesten Weg zum Herzen eines verstörten Kindes.
Vor allem aber ist es ein Buch über eine seltene Eigenschaft: Mut - für mich ist sie eine Heldin unserer Zeit. Alleine nach Tibet gereist, trotzt sie allen Widrigkeiten, dem extremen Klima, dem Misstrauen der Einheimischen, der Ignoranz der chinesischen Behörden und der mangelnden Unterstützung aus der Heimat, und hält fest an ihrem Ziel: eine Schule für blinde tibetische Kinder. Und lässt sich nicht verbiegen, sondern bleibt, wie sie ist: entschlossen und sensibel.
In einer Welt der banalen Ängste - Angststörungen sind inzwischen die häufigste psychiatrische Diagnose - in der viele den Kontakt zu ihren Nachbarn fürchten und den Chatroom einem realen Ort der Begegnung vorziehen, ist dies auch ein Buch der Ermutigung: wer es liest, kann erfahren, wie die eigenen Ängste zu schrumpfen beginnen und mitten im grauen Alltag die Neugier erwacht auf die leuchtenden Farben des Lebens. Farben spielen eine große Rolle in diesem Buch einer Blinden, man lernt auch eine Menge darüber, wie sie die Welt wahrnimmt.
Anders als etwa die Berichte eitler Survival-Künstler, dient dieses Buch, obwohl es von extremen Erfahrungen handelt, nicht der Selbstbeweihräucherung. Es geht der Autorin nicht um ihre Person, sondern um ihre Sache: Ihr Projekt in Tibet und ein tieferes Verständnis für die Weltsicht der Blinden. Und es gelingt ihr, uns die Augen zu öffnen.