Ich mag Bücher …, obwohl wir auch schon mal verschiedener Meinung sind.
In diesem Buch von Petra Dreyer geht es um ihr behindertes Kind. Mein Sohn wurde vor fast 29 Jahren unter fast den gleichen dramatischen Umständen geboren wie ihr Sohn. Auch wir wussten nicht, wird er ganz gesund oder bleiben durch die schwierige Geburt und die lange Brutkastenzeit Behinderungen zurück. Allerdings habe ich nicht eine Minute den Gedanken gehabt, dieses Kind nicht haben zu wollen. Ich habe es von der ersten Minute an geliebt und hätte es um nichts in der Welt wieder hergeben wollen. Selbst mit der schlimmsten Behinderung nicht. Allerdings haben wir das große Glück gehabt, dass nach anfänglichen Entwicklungsverzögerungen, die innerhalb von 2 Jahren aufgeholt waren, er ganz gesund war.
Doch nun erst einmal zum Buch: Das ersehnte Kind wird unter großen Komplikationen geboren und mit Hilfe der Technik zum Leben gezwungen: Geistig schwer behindert. Wie wird die Mutter damit fertig, dass sie von nun an für ein “solches” Kind dazusein hat.
Zunächst setzen lange Phasen tiefer Verzweiflung ein, unterbrochen von kurzen Hoffnungsschimmern. Wäre es nicht für alle besser, dieses stumpfsinnige Wesen könnte sterben? Äußerlich sieht man ihm nichts an, es ist sogar hübsch, vielleicht bessert sich ja sein Zustand noch, und es wird ganz normal! Irgendwann wird die innere Versteinerung der Mutter durch zaghafte Fragen nach den Möglichkeiten einer gemeinsamen Zukunft ohne Ablehnung und Ausklammerung der Behinderung aufgebrochen. In einer Art Selbstanalyse setzt sie eine Wandlung in Gang, die zu einer inneren Befreiung führt und ihr dadurch die Annahme des Kindes ermöglicht. Es gelingt ihr auch noch ein weiterer Schritt: Sie erkennt, wie sinnlos in diesem Fall für sie selber und für das Kind die quälenden Versuche sind, mit Medikamenten und allen möglichen Therapien den Schaden ungeschehen zu machen. In einem eindringlich beschriebenen Eintscheidungsprozeß kommt sie dahin, die Behinderung ihres Kindes konstruktiv in ihr Leben einzubeziehen und sich von allen illusionären Vorstellungen frei zu machen.
Gerne hätte ich die beiden Dokumentarfilme über Jens gesehen, die wohl schon hin und wieder mal im Fernsehen gelaufen sind. In einem Film ist er 9 Jahre, im zweiten Film dann 16 Jahre alt. So wie ich gelesen habe, äußerten sich die Eltern in beiden Filmen zu den ersten Wochen und Monaten mit ihrem Kind und auch über den Wunsch, der damals aufkam: Dieses Kind möge nicht leben … Auch im Buch liest man von den massiven Schwieigkeiten, die die Situation speziell der Mutter bereitet hat, und vom familiären Hintergrund. Petra Dreyer ist als ältere Schwester eines ebenfalls behinderten Bruders aufgewachsen und musste immer zurückstecken und “funktionieren” - und nun ist sie in diese Rolle zurückgedrängt worden. Sie ist nicht Supermutter eines Superkindes. Sie bezeichnet Jens als schwachsinniges Kind, das nur Arbeit macht, und gerät in Wut und Isolation. Erst langsam beginnt sie sich auf seine Perspektive einzulassen, an die Möglichkeit zu denken, dass auch er in irgendeiner Weise seine Umwelt, seine Situation und seine Schmerzen wahrnehmen kann, und dass sein Schreien die einzige Möglichkeit für ihn ist, Protest einzulegen … Nun gelingt es ihr etwas besser, ihn zu akzeptieren und um sein Wohl zu kämpfen. Es finden sich Ansätze einer Versöhnung mit der Situation in dem Buch, das aber zunächst und über weite Strecken ihren Schmerz und ihre Isolation verdeutlicht.
Ich habe, da der Eintritt in diese Welt bei unseren beiden Söhnen gleichmaßen dramatisch war, das Buch mit Interesse und Spannung gelesen. Zweifellos war es für Petra Dreyer sehr wichtig, ihre Gefühle ordnen und äußern zu können, vielleicht auch, sich in irgendeiner Weise zu rechtfertigen - wieviel das dem Leser “nützt”, ist, wie bei all diesen Erfahrungsberichten, die Frage. Was mich traurig stimmt, ist nicht nur, dass das Leben ihres Kindes und damit der ganzen Familie durch das Geburtsproblem so massiv beeinträchtigt wurde, sondern auch, dass der Prozess, den sie durchmachen musste, offenbar so lang und so schwierig war, dass sie das Wagnis einer zweiten Schwangerschaft nicht auf sich nehmen wollte. Sie hat selbst erlebt, welche Fehler Eltern machen, die neben einem behinderten auch ein nichtbehindertes Kind haben, aber vielleicht hätte sie als Mutter diesen Fehler vermeiden und doch auch noch ein “normales” Familienleben erleben können. Auch würde mich interessieren, wie sie diese Dinge heute sieht, denn dieses Buch endet etwa mit Jens’ zweitem Lebensjahr.