“Späte Familie”
4. Februar 2009Ich mag Bücher … weil sie spannend sind, gut unterhalten und oft eine unglaubliche Sprache haben, wie dieser Roman von Zeruya Shalev.
Das Scheitern einer Ehe vollzieht sich oftmals langsam und schleichend, wie eine allmähliche Vergiftung. In Zeruya Shalevs Roman beschließt eine Frau, diesem quälenden Prozess ein jähes Ende zu setzen. Von einem Tag auf den anderen trennt sie sich von ihrem Mann, fordert ihn auf, die Wohnung zu verlassen. Sie bleibt zurück mit ihrem gemeinsamen Kind, und in der plötzlichen Einsamkeit weicht die anfängliche Erleichterung bald tiefer Verunsicherung.
Dies ist der Roman einer Krise, einer existentiellen Bruchstelle im Leben der selbstständigen, selbstbewussten Frau und erfolgreichen Wissenschaftlerin. Statt die lang ersehnte Freiheit zu genießen, sieht sie sich mit lähmenden Zweifeln und Ängsten konfrontiert. Hat sie selbstsüchtig ihrem Kind den Vater, die Familie genommen? In einer schmerzlichen, den Leser tief aufrührenden Entwicklung erwächst aus der emotionalen Grenzerfahrung aber auch Hoffnung und Erkenntnis: Man kann einen Menschen, mit dem einen das eigene Kind verbindet, nie ganz verlassen. Die Fäden des gemeinsamen Schicksals bleiben auf immer verknüpft. Schließlich findet sie eine neue Liebe, wagt sich noch einmal in das höchst komplizierte Gebilde einer neuen, einer “späten” Familie, auf der viele Hoffnungen ruhen und die dennoch auf lange Zeit eine empfindsame, zarte Pflanze bleibt, deren Überleben keineswegs gesichert ist.
Ich habe zum ersten Mal einen Roman dieser israelischen Autorin gelesen. Er handelt vom Ende einer Ehe und dem Beginn einer neuen Liebe. Ella Miller verbindet mit ihrem Mann Amnon nur noch das gemeinsame Kind Gill und sie trennt sich von ihm. Nun kommen Verunsicherung und Selbstzweifel statt der großen Erleichterung. Von Eltern und Freunden erhält sie nur Vorwürfe statt Verständnis. Aus dieser Perspektive heraus schildert sie den Trennungsprozess und man kann das Buch kaum mehr aus der Hand legen. Immer tiefer wird man in die Abgründe der menschlichen Seele hineingezogen.
Als sie den Psyiater Oded kennenlernt, schafft sie es ganz langsam wieder aus dem Seelensumpf heraus. Es folgen allerdings schnell Ernüchterung und neue Probleme, nachdem die erste Verliebtheitsphase vorbei ist. Oded ist der Vater von Jotam, Gills bestem Freund, und auch Odeds Frau Michal ist Ella durch die gemeinsame Schule der beiden Jungen bekannt …
Diese ganze schmerzhafte und problemhafte Entstehung einer neuen Beziehung, einer neuen Familie, eben einer “späten” Familie, ist das eindruckvollste, was ich seit langem gelesen habe. Dieser Roman ist ein Kunstwerk und Schmöker zugleich, er schlägt eine Brücke zwischen hoher und eingängiger Literatur. Auch wenn man nicht so ein Fan von “Liebesromanen” ist, diesen sollte man meiner Meinung nach auf jeden Fall lesen.