“Du auf deinem höchsten Dach”
28. Januar 2009Ich mag Bücher … weil sie so schön bunt sind. Ich meine damit natürlich nicht gelb, rot oder blau und auch nicht Bücher mit bunten Bildern. Sondern ich meine die bunte Mischung Menschen, die einem in Büchern begegnen. Besonders in dieser Familienbiografie über Tilly Wedekind und ihren Töchtern von Anatol Regnier begegnen einem eine Menge der unterschiedlichsten Menschen aus dem künstlerischen Bereich.
Als Frank Wedekind am 9. März 1918 im Alter von dreiundfünfzig Jahren stirbt, hinterlässt der provokanteste Dramatiker seiner Zeit eine bildschöne junge Frau und zwei kleine Töchter. Hinter der Schauspielerin Tilly Newes liegen zwölf Jahre kräftezehrenden Zusammenlebens mit einem Mann, dessen erotisches Credo der Realität nicht standhielt. Wedekinds Tod ist bei aller Trauer eine Befreiung. Tilly blüht auf und hat zahlreiche Verehrer. Die Töchter Pamela und Kadidja wachsen hinein in die Künstlerboheme der 20er Jahre. Pamela freundet sich eng mit den Mann-Kindern Erika und Klaus an, vierter im Bunde ist der junge Schauspieler Gustaf Gründgens.
Zum Eklat kommt es, als Pamela den fast dreizig Jahre älteren Dramatiker Carl Sternheim heiratet. Tilly, die immer stärker unter einer manisch-depressiven Erkrankung leidet, beginnt um diese Zeit eine leidenschaftliche Liason mit dem Lyriker Gottfried Benn. 1938 geht Kadidja nach Amerika, Pamela und Tilly bleiben und arrangieren sich mit dem Dritten Reich. Kadidja wird ihnen dies nie verzeihen. Nach ihrer Rückkehr 1949 kommt es zum Bruch.
Anatol Regnier, Enkel von Frank und Tilly Wedekind und Sohn der Wedekind-Tochter Pamela, hat für die vorliegende Biografie erstmals Teile des unter Verschluss gehaltenen Familienarchives ausgewertet. Er zeichnet ein in vielen Zügen unbekanntes Bild von Tilly Wedekind und ihren Töchtern. Ihm gelingt ein faszinierendes Psychogramm dreier Frauen zwischen künstlerischem Anspruch und Lebensangst im Schatten eines großen Schriftstellers.
Er schreibt eine umfangreiche, persönlich gefärbte Familiebiografie, die trotz des nahen Verwandtschaftsgrades die nötige Distanz nicht vermissen lässt. Die Schwierigkeiten der Ehe Tillys mit dem geistig überlegenen Frank Wedekind, die sich nicht zuletzt auch aus dem großen Altersunterschied ergeben, werden eben so wenig verschwiegen, wie die Verfehlungen Pamelas, die Tillys Fehler in ihrer überstürzten Ehe mit Sternheim wiederholt. Ausserdem erhält man interessante Einblicke in die Jugendfreundschaft Pamelas mit den “Mann-Twins” und lernt schließlich auch die zweite Tochter Kadidja, die trotz vielfältiger Talente nie richtig Fuss fassen konnte, kennen. Nicht zuletzt erneut ein examplarisches Beispiel, wie die Zeitläufe des 20. Jahrhunderts Künstlerleben beeinflussten.