Ich mag Bücher, weil sie zur Familie gehören, denn inzwischen ist es doch so, dass wir alle gern und viel lesen und ab und zu kommt es, trotz unterschiedlicher Interessen auch mal dazu, dass wir das gleiche Buch lesen. Hiermit die Erinnerung an Kevin, Du hast noch ein Buch von mir, und Patrick, Du wolltest ein Buch an mich abtreten!!!
Doch nun zu meinem gerade gelesenen Buch:
Kontrapunkt des Lebens
von Aldous Huxley
In diesem faszinierenden Schlüsselroman und Zeitbild großen Stils hält Huxley der Londoner Gesellschaft der zwanziger Jahre einen kritischen Spiegel vor. Künstler, Wissenschaftler, Journalisten und Politiker sowie ihre Frauen, Geliebten und Mütter; Machtstreben, Flucht vor dem Ich, ideologischer Wahn, Liebesbeziehungen, sexuelle Abenteuer und die ständig aufbrechende Kluft zwischen Denken und Fühlen - dies alles wird in einer großartigen, kontrapunktisch angelegten Komposition in immer neuen Durchführungen einander zugeordnet, variirt und moduliert.
Das Buch ist nicht ganz einfach zu lesen, schon auf Grund der vielen englischen Namen muss man aufpassen, den Überblick zu behalten.
Mir hat eine Stelle in diesem Buch besonders gut gefallen und zwar geht es da in einem Gespräch zwischen einem der Bessergestellten und seinem Angestellten um das Thema: Wann ich man ein Christ?
Ich zitiere mal ein bisschen daraus:
Zitat:
“Nein. Aber sie haben keine Nachbarn in dem Sinn, wie die Armen Nachbarn haben. Wenn meine Mutter ausgehen musste, behielt Mrs. Cradock, von rechts nebenan, uns Kinder im Auge. Und meine Mutter tat dasselbe für Mrs. Cradock, wenn die ausgehen musste. Und wenn jemand sich das Bein brach oder arbeitslos wurde, halfen ihm die Leute mit Geld und Essen. Und ich erinnere mich noch genau, wie ich als kleiner Junge im ganzen Dorf umhergeschickt wurde, die Pflegerin zu suchen, weil die junge Mrs. Foster von nebenan plötzlich von den Wehen überkommen war, bevor sie’s erwartet hatte. Wenn man von weniger als vier Pfund in der Woche leben muss, muss man sich wohl oder über wie ein Christ benehmen und seinen Nächsten lieben. Vor allem einmal kann man nicht von ihm wegkommen; er sitzt einem so gut wie im Hinterhof. Da gibts kein vornehmes und philosphisches Ignorieren seiner Existenz. Man muss ihn entweder hassen oder lieben; und im großen und ganzen ist’s besser, man verlegt sich aufs Lieben, denn man wird in Notfällen vielleicht seine Hilfe brauchen und umgekehrt - und oft so dringend, dass ein Verweigern gar nicht in Frage kommen kann. Und da man ihm helfen muss, da man, wenn man ein Mensch ist, gar nicht anders kann, ist’s besser, eine Anstrengung zu machen, die Person zu lieben, der man sowieso helfen muss.”
Und über die Reichen sagt er dann weiter:
Zitat:
“Aber ihr Reichen, ihr habt keine wirklichen Nächsten. Ihr verbringt nie eine nachbarliche Tat oder erwartet von euren Nachbarn, dass sie euch einen Freunschaftsdienst erwidern. Es ist unnötig. Ihr könnt Leute bezahlen dafür, dass sie sich um euch kümmern. Ihr könnt Dienstboten mieten, damit sie für drei Pfund im Monat und Verpflegung Freundschaftlichkeit simulieren. Mrs. Cradock von nebenan braucht eure Kleinkinder nicht im Auge zu behalten, wenn ihr ausgeht. Ihr habt Kinderfrauen und Gouvernanten, die’s für Geld tun. Nein, ihr seid euch des Vorhandenseins eurer Nachbarn gewöhnlich gar nicht bewusst. Ihr lebt in einer gewissen Entfernung von ihnen. Jeder von euch sitzt in seinem eigenen Gehäuse wie in einer Isolierzelle. Hinter den geschlossenen Fensterläden mögen sich die größten Tragödien abspielen, aber die Leute von nebenan wissen nichts von ihnen.”
Ich denke, obwohl diese Worte aus den zwanziger Jahren stammen, enthalten sie viel Wahres und sind in unsere Zeit noch genau so gültig.
14. Juli, 2008 at 00:25 eHab das neue von ihm gelesen - Schweigeminute - war ganz nett. Bevor es bei mir im Bücherregal verstaubt könnte ich es an dich abtreten, wenn Interesse besteht