von Marie Luise Kaschnitz
Das Lächeln
Auf dem dreißig Jahre alten Schmalfilm kam meine Mutter unversehens ins Bild und gerade auf mich zu. Ich war überrascht, wie schön sie war und wie zart. Ich dachte gleich, sie muss damals also schon krank gewesen sein oder die Krankheit muss schon in ihr gesteckt haben. Denn nach dem Tode meines Vaters ist sie zuerst dick geworden, und ihr Gesicht fleischig und rot. Der Film stammte aus dem Jahre 1940, Kriegszeit, Westwallzeit, die Reisen an den Oberrhein, ins Grenzgebiet, waren schwierig geworden, ganz gewiß war ich in jenem Sommer nicht zu Hause, und von der beginnenden Krankheit meiner Mutter wusste ich nichts. Das überaus liebevolle Lächeln hatte nicht mir gegolten, jetzt aber gilt es mir, ich lasse den Film zurückspulen, vier- oder fünfmal. Meine Neffen als kleine Buben, mit dem Schachbrett, mit der Angelrute, meine älteste Schwester als junge Frau, alles hübsch und lustig, ich will aber immer nur dieselben wenigen Meter sehen. Die gehen mich an, mich allein. Meine Mutter, die lächelnd auf mich zukommt, mich ansieht, mich. Die acht Linden auf dem Hof rücken mehrmals ins Bild, das Laub ist schwarz und unglaublich dicht, nicht zu vergleichen mit heute. Ich möchte meinem Bruder den Film, den ich geschenkt bekam, gar nicht zeigen, er leidet unter dem langsamen Absterben der zweihundert Jahre alten Bäume. Ich muss noch einmal sehen, wie meine Mutter mir zulächelt, so voller Liebe, ich war nicht gemeint.