Archiv für den 20. Mai 2008

“Tagebuchblatt”

Dienstag, 20. Mai 2008

Nun habe ich diese Kategorie hinzugefügt, dann muss ich auch mal was darin schreiben. Darum ein “Tagebuchblatt” von Friedrich Hebbel über seine Mutter.

Tagebuchblatt

Sie war eine gute Frau, deren Gutes und minder Gutes mir in meine eigne Natur versponnen scheint: Mit ihr habe ich meinen Jähzorn, mein Aufbrausen gemein, und nicht weniger die Fähigkeit, schnell und ohne weiteres alles, es sei groß oder klein, wieder zu vergeben und zu vergessen. Obwohl sie mich niemals verstanden hat und bei ihrer Geistes- und Erfahrungsstufe verstehen konnte, so muss sie doch immer eine Ahnung meines innersten Wesens gehabt haben, denn sie war es, die mich fort und fort gegen die Anfeindungen meines Vaters, der (von seinem Gesichtspunkt aus mit Recht) in mir stets ein missratenes, unbrauchbares, wohl gar böswilliges Geschöpf erblickte, mit Eifer in Schutz nahm und lieber über sich selbst etwas Hartes, woran es wahrlich im eigentlichsten Sinne des Wortes nicht fehlte, ergehen ließ, als dass sie mich preisgegeben hätte. Ihr allein verdank ich’s, dass ich nicht, wovon mein Vater jeden Winter wie von einem Lieblingsplan sprach, den Bauernjungen spielen musste, was mich vielleicht bei meiner Reizbarkeit schon in den zartesten Jahren bis auf den Grund zerstört haben würde; ihr allein, dass ich regelmässig die Schule besuchen und mich in reinlichen, wenn auch geflickten Kleidern öffentlich sehen lassen konnte.