Auf der Suche nach passenden Geschichten zum Thema “Wachsen” für unsere nächste ThomasMesse, fand ich gerade einen anderen Text. Er hat zwar nichts mit Wachsen zu tun, beschreibt aber passend unsere heutige Welt. Geschrieben wurde er von Marie Luise Kaschnitz, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es die Gleiche ist, über die ich bei Wikipedia den Lebenslauf gefunden habe. Sie ist 1974 gestorben. War es bei uns denn damals schon so schlimm mit dem Fernsehn gucken???
Das Kind kam heute spät aus der Schule heim. “Wir waren im Museum”, sagte es. “Wir haben das letzte Buch gesehen.”
Unwillkürlich blickte ich auf die lange Wand unseres Wohnzimmers, die früher einmal mehrere Regale voller Bücher verdeckt haben, die aber jetzt leer ist und weiß getüncht, damit das neue plastische Fernsehen darauf erscheinen kann.
“Ja und”, sagte ich erschrocken, “was war das für ein Buch?” “Eben ein Buch”, sagte das Kind. “es hat einen Deckel und einen Rücken und Seiten, die man umblättern kann.”
“Und was war darin gedruckt?” fragte ich. “Das kann ich doch nicht wissen”, sagte das Kind. “Wir durften es nicht anfassen. Es liegt unter Glas.” “Schade”, sagte ich.
Aber das Kind war schon weggesprungen, um an den Knöpfen des Fernsehapparates zu drehen. Die große weiße Wand fing an, sich zu beleben, sie zeigte eine Herde von Elefanten, die im Dschungel eine Furt durchquerten. Der trübe Fluß schmatzte, die eingeborenen Treiber schrien. Das Kind hockte auf dem Teppich und sah die riesigen Tiere mit Entzücken an. “Was kann da schon drinstehen”, murmelte es, “in so einem Buch.”